Rede zur feierlichen Vergabe der Abiturzeugnisse

Geschrieben am 1. Juli 2014 von Carlo Nitsch

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

liebe Festgemeinde

Jeder Abiturjahrgang erwartet, dass die Schulleitung anlässlich der Abiturfeier eine Rede hält. Die Schulleiterin, der Schulleiter steht vor demselben Problem wie der jeweilige Abiturjahrgang mit der Suche nach dem Motto. Was soll/kann sie bzw. er noch sagen, was nicht schon vorher gesagt wurde?

Dankenswerterweise gibt es jedes Jahr einen Wahlspruch, einen Slogan, ein Motto als Inspirationsquelle.

„Westminster Abbey – der Adel dankt ab“; dies ist das diesjährige Motto unseres Abiturjahrgangs. Es ist insofern originell, als es das Motto früherer Abiturjahrgänge an anderen Schulen variiert: Aus „Der Adel geht“ wird „Der Adel dankt ab“, eine deutliche Bedeutungsverschiebung.

Erlauben Sie mir, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ab sofort diese Anrede durch „Ladies and gentlemen“ zu ersetzen. Sie passt aus Gründen, die ich erläutern werde, besser zu Ihnen als Dame, Earl, Baron, Baroness, Duke, Duchess, Viscount, Viscountess, Knight und Baronet.

Erfreulicherweise leben wir in einem Land, in dem der Adel, die Aristokratie, endgültig seit 1945 entmachtet wurde und eine Gesellschaft relativ flacher Hierarchien entstand. Ein Land, in dem Schülerinnen und Schüler dem vorbeigehenden Schulleiter zurufen: „Hallo, Chef“ oder „Bist du streng?“.

Was ist der Adel? Eine Elite. Eine Oberschicht, die ihre Privilegien nichts anderem verdankt als ihrer Geburt. Von ihrem Ursprung her konnten Adlige oft noch nicht einmal schreiben und lesen; sie waren Analphabeten. Sie waren nichts anderes als der Kriegerstand.

Ich glaube kaum, dass Sie, Ladies and Gentlemen, sich in diesem privilegierten Stand wieder erkennen: in Unbildung und Militarismus, in einer Oberschicht, die sich ihre Vorrechte durch nichts verdient hat. Insofern haben Sie gut daran getan, den Zusatz „dankt ab“ hinzuzufügen.

Schon vor Ihrem ersten Schultag hat dieses Land alles so eingerichtet, dass Sie das Schicksal des mittelalterlichen Adels nicht ereilt. Mit dem Eintritt in die Grundschule konnten sie ihm entrinnen. Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass jedes Mädchen, jeder Junge lernt, sich Verdienste zu erwerben statt sie zu erben. Er versucht, eine Gesellschaft der Ungleichheit durch die Eröffnung von Chancengleichheit über Bildungschancen zu mildern. Der Herrschaft der Herkunft strebt er, – wenn auch oft völlig unzureichend -die demokratische, gebildete Leistungsgesellschaft gegenüber zu stellen.

Aber worum geht es bei dieser sogenannten Bildung? Handelt es sich nur um das Rechnen, Schreiben und Lesen? Sicherlich geht es auch darum. Aber der rechnende, lesende und schreibende Mensch, sofern er nichts anderes kann, bleibt ein geistiger, sozialer und menschlicher Analphabet. Die gerade genannten grundlegenden Kulturtechniken sind lediglich Instrumente, das Handwerkszeug, mit dem wir die ersten tastenden Schritte tun können. Sie sind unsere Krücken, die uns auf den Weg zum selbstständigen, aufrechten, zielgerichteten Gang mit Weitblick bringen. Sie geben uns Sicherheit, uns auf Abenteuer einzulassen, das Studium von Mensch, Gesellschaft, Politik und Natur. Erst dieser mühsame, zeitaufwändige Lernprozess führt uns zu den Kernpunkten von Bildung:

  • der Annahme unserer selbst, das Ja zu uns selbst, unsere Identitätsfindung,
  • der Akzeptanz und dem Umgang mit unseren Gefühlen,
  • der Übernahme von Verantwortung für uns selbst,
  • der Achtung vor unserem eigenen Körper,
  • der Freude an Sport und Spiel,
  • dem Sich-Einlassen auf Kunst, Musik, Religion und Philosophie als Infragestellungen vermeintlicher Selbstverständlichkeiten,
  • den Regeln der Kommunikation in der Familie, mit Freunden, mit der Gesellschaft und in der internationalen Gemeinschaft,
  • der Einsicht und der Bereitschaft, dass wir nur durch Rücksicht auf, Respekt und Engagement für die Mitmenschen überlebensfähig sind,
  • dem Begreifen der wirtschaftlichen Zusammenhänge,
  • dem Verständnis von Natur und Umwelt, der Einsicht in unsere persönlichen Verpflichtungen gegenüber Umwelt und Natur,
  • der Fähigkeit, das was wir vorfinden, auf seine Ursprünge hin zu befragen und verstehen zu lernen,
  • der Gabe, die eigene Neugier für Erneuerungen in Gesellschaft, Naturwissenschaften und Technik fruchtbar zu machen,
  • der Bereitschaft, das vermeintlich Richtige und Wahre anzuzweifeln, kreativ zu sein und ausgetretene Pfade zu verlassen,
  • kurz um mit Kant zu sprechen: dem Verlassen der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

 

Vor dem Hintergrund dieser kolossalen Aufgaben ist es klar, dass junge Menschen stolpern, fallen und nur mühsam den rechten Weg finden. Das Zitat von Klassenbucheintragungen an dieser Stelle würde sicherlich zu manchen Lachanfällen führen.

Ladies and Gentlemen, Ihre ersten Wegweiser und Sanitäter sind die Eltern. Sie, liebe Eltern, haben Ihre Töchter und Söhne die ersten Lebensjahre mit Liebe und äußerster Fürsorge auf dem Weg zum langfristigen Ziel des mündigen und verantwortungsbewussten Menschen begleitet. Sie haben in den nächsten 12 Jahren auch nur einen Teil dieser Verantwortung vertrauensvoll an die Schule abgetreten. Im Sinne der Partnerschaft für Bildung und Erziehung haben Sie zum Teil mit größter Aufopferung, hohen Frustrationsschwellen und manch schlafloser Nacht weiter an der Erreichung der Zielgeraden gekämpft. Dafür möchte ich Ihnen, liebe Eltern, an dieser Stelle aufrichtig und von ganzem Herzen danken.

Die Schule hat hoffentlich ebenfalls mit ihren vielfältigen Angeboten dazu beigetragen. Der Fachunterricht in Sport, Musik, Kunst, den Sprachen, Mathematik, den Natur- und Gesellschaftswissenschaften, Religion und Philosophie hatte zum Ziel, Sie, Ladies and Gentlemen, zu umfassend gebildeten jungen Frauen und Männern zu machen. Lassen Sie mich dafür meinen Kolleginnen und Kollegen danken. Ein besonderer Dank gilt Ihren Jahrgangsstufenleiterinnen und –leitern, Frau Griebel, Herrm Schultz und Herrn Dippe sowie Frau Noguerol, die Sie über drei Jahre lang beriet und Ihre Abiturprüfungen organisierte.

 

Ladies and gentlemen of the Abiturjahrgang 2014,

Sie feiern heute Abend Ihre Verdienste, nicht angeborene Privilegien. Westminster Abbey ist die Grabeskirche der englischen Könige. Zu Grabe tragen Sie heute Gottlob nicht sich selbst, sondern den Status der angeborenen Unmündigkeit. Westminster Abbey ist jedoch auch die englische Krönungskirche. Die Übergabe des Abiturzeugnisses ist die Krönung Ihrer schulischen Laufbahn. Die überreichten Dokumente heißen auch Reifezeugnisse. Sinnvoller wäre es zu sagen, Sie erhalten heute Abend den Nachweis darüber, dass Sie wahre Ladies und Gentlemen ohne Titel, aber mit Prädikat, sind. Zu Recht behaupten Sie, dass Sie den Dienst als Adlige quittieren. Sie sind Edle im Sinne des Gentleman und Lady Ideals: heute Abend z. B. meist tadellos gekleidet, von ausgesprochener Höflichkeit, zuvorkommend, edelmütig, weltgewandt, vielseitig gebildet, reflektiert und vor allem rücksichtsvoll und nicht anmaßend wie manche Geburtsadlige. Neben dem angestammten Bildungskanon verfügen Sie über Herzensbildung. Im Unterschied zu Snobs imitieren Sie nicht adliges Gehabe, sondern verkörpern die Bildung unserer demokratischen, auf Gleichheit setzenden Gesellschaft.

Sie danken ab. Eine Abdankung kann auch eine Trauerfeier sein. Heute Abend geht es allerdings um ein Freudenfest. Dieses ist meist auch mit Dank für etwas verbunden. Nehmen wir Sie beim Wort. Sie danken denen, die Sie einfühlsam begleitet haben. Sie gedenken Ihrer eigenen Entwicklung und halten inne, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Nehmen Sie Westminster Abbey als Ort beim Wort. In dieser Kirche weht der Geist berühmter Persönlichkeiten, nicht nur gekrönter Häupter. Die britische Gesellschaft gedenkt hier auch der Menschen, die tatsächlich für die Menschheit Großartiges geleistet haben. Werden auch Sie großartige Menschen, denen die Nachwelt danken wird. Entdecken Sie die Widerspenstigkeit des Trotzalters neu, bürsten Sie gegen den Strich, stellen Sie Fragen, stellen Sie in Frage, machen Sie den Zweifel zum Leitbild Ihrer geistigen und menschlichen Neugier; werden Sie Entdecker und Pioniere; passen Sie sich nur an, soweit es lebenswichtig ist. Unsere demokratische, egalitäre Gesellschaft braucht Sie als nicht-angepasste, schöpferisch agierende und entdeckende Menschen. In den Naturwissenschaften haben Sie gelernt, dass Annahmen nur so lange gelten, bis jemand die Gewissheiten zum Abdanken zwingt. Werden Sie diejenigen, die zu denken geben statt geistig abzudanken. Statt sich zu Tode zu amüsieren und moderne Kommunikationsmedien geistlos zu nutzen, werden Sie die Elite, die Neues schafft. Ihr Weg beginnt gerade in diesem Moment.

Als oberster Repräsentant des Herder danke ich Ihnen im Namen aller an der Schule Beteiligten für Ihre Verdienste am Herder: ihre Tätigkeit in der SV, in der Schulkonferenz, bei der letztjährigen Theateraufführung, Ihren Auftritten im Musical sowie im Zirkus und kurz dafür, dass Sie bei uns waren und es acht Jahre oder manchmal neun mit uns ausgehalten haben.

Und nun gratulieren wir Ihnen zu Ihrem Abitur.

 

 – Johannes Röhrig