Hauptsache Du gehst – mein Europäischer Freiwilligendienst irgendwo zwischen Stuck und Plattenbau

Geschrieben am 23. Februar 2016 von Lilou Kleemann

Eine Herder-Abiturientin schreibt über das Jahr danach.

Kennt Ihr dieses Gefühl, nach einer Reise in Holweide von der A3 abzufahren, diesen Moment nach der Kurve, wenn das Toys’R’us-Schild vor Euch in der Dunkelheit leuchtet und Ihr wisst, dass Ihr zuhause seid?

Vor ein paar Wochen hatte ich genau das, nachdem ich in Prag gewesen war: Nach vier Stunden Busfahrt bogen wir in die Autobusové Nadraži von Uherské Hradiště (UH) ein. Ein bisschen Nebel, die Bushaltestellen menschenleer, nur vor dem BILLA standen ein paar Typen in Jogginghosen rum. Wie ein Busbahnhof eben nur aussehen kann, wenn sonntagsabends um 19 Uhr der letzte Bus fährt. Aber das Gefühl war da: Zuhause.

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Im September hat mein Europäischer Freiwilligendienst im „Klubko“ in Staré Město bei Uherské Hradiště, Tschechien begonnen. In der ersten Woche haben mir die Kinder in der Übermittagsbetreuung die Farben beigebracht, ich habe mit einer Grundschulklasse Prunella’s Song gesungen (erinnert sich noch jemand?) und meinen „Deutschschülern“ (40+) versucht zu erklären, was Gedöns heißt. Manchmal schreibe ich auch furchtbar schlechte Artikel für die Zeitung oder Facebook, verfasst in einer Mischung aus exzellentem Tschechisch und LK-Englisch. Harte Arbeit, Ihr merkt es schon.

Wenn ich hier gefragt werde: „Warum bist Du denn ausgerechnet hier hin gegangen, nach Tschechien?“ könnte ich sagen: „Weißt Du, ich habe mich schon immer sehr für die tschechische Kultur interessiert, wollte unbedingt diese Sprache lernen und nutze jetzt die Chance, das Land hautnah zu erleben. Blablabla…“ Aber mal ehrlich: Wer zur Hölle will denn für ein Jahr nach Tschechien gehen? Wo ist das überhaupt? Wird das nicht auch von Putin (persönlich) besetzt?

Die ehrliche Antwort auf die Frage, warum ich hier gelandet bin, ist schlicht und ergreifend: „Because I am crazy.“ Das trifft es ziemlich gut. Ich hatte länger geplant nach dem Abi einen Europäischen Freiwilligendienst zu machen, dabei aber natürlich eher an Spanien oder ein anderes sonniges Land gedacht. Hola chica, ciao bella und so. Aber das Schicksal wollte es nicht so, die meisten meiner im exzellenten A2-Spanisch verfassten und von Herr Schmidt dankenswerterweise korrigierten Bewerbungs-E-Mails blieben unbeantwortet. Doch eines Nachts hatte ich, frei nach Kraftklub „Und je tiefer die Nacht, desto besser die Idee“ diesen brillanten Einfall (dramatische Musik an dieser Stelle bitte): Ey Sarah, dein Ururgroßvater kam doch aus Tschechien – warum versuchst Du’s nicht einmal dort?

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Wenn die EU nicht gerade Euro-Krisenländer rettet oder sich über Flüchtlinge streitet, investiert sie unter anderem auch einiges Geld in Erasmus-Programme, wie auch den Europäischen Freiwilligendienst. Ähnlich wie beim Freiwilligen Sozialen Jahr oder Bundesfreiwilligendienst leistet man für einen Zeitraum von sechs Monaten bis zu einem Jahr Freiwilligenarbeit in einer (meist sozialen) Einrichtung, wie zum Beispiel einem Freizeitzentrum für Kinder und Jugendliche, einer Umweltorganisation oder einer Behindertenwerkstatt. Der Unterschied: Man kann sich bei Organisationen in ganz Europa bewerben. Also warum nicht mal für ein Jahr in Estland, Italien oder Bosnien leben?

Was meiner Meinung nach aus rein praktischen Gründen sehr für den Europäischen Freiwilligendienst spricht, sind die Rahmenbedingungen: Man bekommt eine Unterkunft, Geld für Essen sowie ein kleines Taschengeld gestellt und darüber hinaus noch einen Sprachkurs und einen Mentor, der einem als Ansprechpartner dienen kann, einem aber auch die besten Bars zeigt und coole Leute vorstellt. UND: Der Staat zahlt weiter Kindergeld. Kinners – wenn datt nich ne Argument is.

Seit vier Monaten lebe ich jetzt schon hier in Tschechien und auch wenn nicht alles perfekt ist, gibt es gerade keinen Ort, an dem ich lieber wäre (okay, ist ein bisschen gelogen, mich mit meiner Freundin Jojo in Namibia in die Sonne legen, wäre jetzt auch nicht schlecht). Ich mag den kleinen Supermarkt „Olšava“ fünf Minuten von mir, in dem die Verkäuferin für mich auch zum dritten Mal den Preis wiederholt, weil ich Zahlen üben muss (245= dvěstěčtyřicetpět, denk ich mir dann auch so). Ich mag das Café Portal in UH, in das ich reinkomme und mich zuhause fühle. In dem man fast jedes Mal dazu genötigt wird Slivovic oder einen anderen hausgebrannten Schnaps „zu probieren“ und immer wieder, einfach so Jamsessions stattfinden oder man mitten in der Woche bis Mitternacht Activity spielt. Ich mag es, mich in den Zug oder Bus zu setzen, Stunden durch die Landschaft fahren, als Ziele Städte wie Brünn, Prag oder Olomouc, die sich irgendwo zwischen Stuck und Plattenbau, Ost und West, vorgestern und morgen befinden.
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In meinem Babička-Zimmer hängt ein Zettel mit folgendem Filmzitat: „Outside your comfortzone is where the magic happens.“ Für mich heißt das: Seit ich das kuschelige Dellbrück verlassen habe, hat sich einiges geändert. Noch in der EF habe ich ungefähr zwei Drittel meiner Stufe ignoriert (sorry Leute), mittlerweile quatsche ich mit jedem, der nicht sofort das Weite sucht. Englisch spreche ich im Schlaf und wenn ich versuche Französisch zu sprechen wird automatisch Tschechisch rein gemischt (warum auch immer). Ich weiß zwar immer noch nicht, wo es ist, aber ich möchte mal nach Armenien. In den letzten vier Monaten habe ich viele nette und interessante Leute kennenglernt, bin getrampt und hab Streetdance ausprobiert (kein Talent vorhanden), war auf einer Star-Wars-Party und im Theater (hab natürlich alles verstanden – Nicht.) – und ja, ich hab mich auch für ein paar Wochen größtenteils von Butterbrot ernährt. Diese Zeit hier gehört mir, nur mir, und sie ist eine Chance mich weiter zu entwickeln. Dazu gehört auch, dass ich versuche Situationen zu verändern, wenn ich unzufrieden mit ihnen bin, aber auch manchmal zu dem Punkt komme „Das ist jetzt eben so, komm klar damit.“ Dazu gehört, immer wieder zu versuchen nicht zu voreingenommen zu sein. Fehler zu machen und daraus zu lernen. Ich bin offener und neugieriger geworden, setze mich mit meinem eigenen Denken und Handeln auseinander; mein Horizont hat sich erweitert – aber auch nur, weil ich mal die Augen aufgemacht habe.

Ob wir jetzt durch Neuseeland work-and-traveln, ein Jahr in Thailand leben oder eben in einem tschechischen Kuhdorf Kinder quälen: Letztendlich glaube ich, dass es nicht darauf ankommt, wohin wir gehen, sondern dass wir gehen. Und wisst Ihr was? Egal an wie vielen Orten in der Welt wir uns zuhause fühlen, wenn wir wieder kommen und von der A3 abfahren, wird das Toys’R’us-Schild noch immer im Dunkeln leuchten.

 

Allgemeine Infos zum Europäischen Freiwilligendienst findet hier hier:
https://www.go4europe.de/#raus-finden

„Do you dare to dream?“ – ein kleines Video, was für den ein oder anderen inspirierend sein könnte:
https://www.youtube.com/watch?v=HhFxQlDPjaY

Meine Entsendeorganisation IN VIA e.V. Köln:
http://www.invia-koeln.de/projekte-einrichtungen/projektuebersicht/detailansicht/projekte/internationale-freiwilligendienste/262.html

Für nächstes Jahr werden von einer anderen Organisation in Uherské Hradiště noch zwei deutsche Freiwillige gesucht (Aufagbenbereiche v.a.: Kleinkinderbetreuung, Konversationsstunden in Englisch und Deutsch)

… wenn Ihr noch Fragen habt, schreibt mir einfach: haas-sarah@web.de

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